Wicca – moderne Hexenreligion mit alten Wurzeln
Wicca ist eine moderne, naturverbundene Religion, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, aber auf ältere vorchristliche Glaubensvorstellungen zurückgreift. Sie wird häufig als „Hexenreligion“ bezeichnet, da sie magische Praktiken, Rituale und Naturverehrung miteinander verbindet. Im Zentrum steht die Verbindung zur Erde, zu den Elementen und zu göttlichen Kräften, die sowohl weiblich als auch männlich verstanden werden.
Die heutige Wicca-Bewegung wurde maßgeblich durch Gerald Brousseau Gardner geprägt, einen britischen Beamten und Okkultisten, der in den 1950er-Jahren begann, über eine moderne Form von Hexerei zu schreiben. Gardner behauptete, in eine überlieferte Hexentradition eingeweiht worden zu sein, die er „Wicca“ nannte. Historisch belegt ist jedoch, dass Wicca in seiner heutigen Form ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist, das stark von westlicher Esoterik, Kabbala, Freimaurerei, Theosophie und der romantischen Vorstellung einer „alten Religion“ beeinflusst wurde.
Trotzdem beruft sich Wicca symbolisch und spirituell auf heidnische Naturreligionen und die sogenannten vorchristlichen Mysterienkulte Europas. Seit den 1960er- und 1970er-Jahren verbreitete sich Wicca zunehmend in den USA, Europa und darüber hinaus – vor allem im Kontext der New-Age-Bewegung und der wachsenden spirituellen Individualisierung.
Wicca wird weltweit von Menschen unterschiedlichster Herkunft praktiziert, vor allem jedoch in westlichen Ländern. Es gibt keine zentrale Organisation, kein festes Dogma und keine einheitliche Institution. Wicca ist eine offen strukturierte Religion, in der sowohl Einzelpraktizierende (Solitaries) als auch Gruppen (sogenannte Covens) aktiv sind.
Viele Wicca-Praktizierende identifizieren sich selbst als Hexen, was jedoch keinen negativen Beiklang hat, sondern auf Wissen, Weisheit und spirituelle Praxis verweist. Die Geschlechterverteilung ist dabei ausgewogen, allerdings ist die Religion bei Frauen besonders beliebt, da sie weibliche Spiritualität betont und stärkt.
Wicca zieht Menschen an, die eine persönliche, naturverbundene Spiritualität suchen, die im Alltag gelebt werden kann – sei es durch Rituale, Jahreskreisfeste, Magie, Kräuterkunde oder Meditation.
Wicca ist polytheistisch und dualistischen in seinem Gottesverständnis: Es verehrt in der Regel eine Göttin und einen Gott, oft in symbolischer Verbindung mit Naturzyklen, Sonne und Mond, Fruchtbarkeit und Tod. Manche Richtungen arbeiten auch mit mehreren Gottheiten aus verschiedenen Mythologien – etwa keltischen, ägyptischen oder griechischen.
Ein zentrales ethisches Prinzip ist die sogenannte Wiccan Rede:
„An it harm none, do what ye will“ – „Solange es niemandem schadet, tu was du willst.“
Dazu kommt das Prinzip des Dreifachen Gesetzes, wonach jede Handlung – ob positiv oder negativ – dreifach zum Ausführenden zurückkehrt.
Wicca kennt einen ausgeprägten Ritualkalender, der sich nach den natürlichen Zyklen richtet. Acht Feste, die sogenannten Sabbatfeste, markieren wichtige Stationen im Jahresverlauf. Dazu gehören z. B.:
- Samhain (31. Oktober) – Ahnenfest, Ursprung von Halloween
- Imbolc, Beltane, Litha – Frühjahrs-, Fruchtbarkeits- und Sonnenwendfeste
- Mabon – Erntedank zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche
Zusätzlich gibt es Esbats, kleinere Rituale zu den Vollmonden.
Viele Wicca-Rituale werden in einem geweihten Kreis durchgeführt, oft mit Kerzen, Symbolen der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer), Altaren und rituellen Werkzeugen wie Athame (Ritualdolch), Kelch und Pentakel.
Im Vergleich zu monotheistischen Religionen wie dem Christentum, Islam oder Judentum unterscheidet sich Wicca durch:
- das Fehlen eines Dogmas oder eines heiligen Buchs
- eine duale oder polytheistische Gottessicht
- die zentralen Rolle der Natur und Zyklen
- die Erlaubnis magischer Praktiken, solange sie ethisch vertretbar sind
- die starke Betonung von persönlicher Verantwortung und freiem Willen
Wicca sieht sich nicht als „wahre Religion“, sondern als ein Weg unter vielen. Toleranz, Selbsterkenntnis und die Verbindung zur natürlichen Welt stehen im Vordergrund.
Wicca ist heute ein fester Bestandteil der westlichen Esoterikszene. Es fließt häufig in Bereiche wie Energiearbeit, Tarot, Astrologie oder Kristallheilung ein. Viele Praktizierende kombinieren Wicca mit anderen spirituellen Richtungen oder leben es in einer sehr individuellen Form. Dabei bleibt das Verhältnis zur Natur und die Achtung vor allem Lebendigen stets im Mittelpunkt.