29. August 2025

Tantra und Neotantra – Ursprung, Ziel und Anwendung

Tantra ist eine spirituelle Richtung mit Wurzeln im alten Indien. Erste Formen entstanden etwa zwischen 500 und 600 nach Christus, möglicherweise sogar früher. Tantra entwickelte sich sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus weiter, insbesondere im Vajrayana, dem tantrischen Buddhismus Tibets.

Das Wort Tantra stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie Gewebe, Zusammenhang oder Methode. Tantra beschreibt einen spirituellen Weg, der den Körper, die Sinneserfahrung und die materielle Welt nicht ablehnt, sondern als Mittel zur spirituellen Entwicklung anerkennt.

Das Ziel von Tantra ist das Erwachen zu einem höheren Bewusstsein. Körper, Atem, Sexualität und Energie gelten als kraftvolle Werkzeuge zur inneren Transformation. Tantra will Gegensätze wie männlich und weiblich, Licht und Dunkel, Geist und Körper vereinen. Dabei geht es um Achtsamkeit, Präsenz und die bewusste Lenkung von Lebensenergie.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich im Westen das sogenannte Neotantra. Es wurde unter anderem von spirituellen Lehrern wie Osho geprägt, der klassische tantrische Ideen neu interpretierte. Neotantra legt den Schwerpunkt auf bewusste Sexualität, energetische Verbindung zwischen Partnern und emotionale Heilung. Es ist weniger religiös oder ritualisiert und spricht Menschen an, die über Körpererfahrung zu persönlicher Entwicklung und Intimität finden möchten.

Heute findet man Tantra und Neotantra in vielen Bereichen: in Paarseminaren zur Vertiefung der Beziehung, in Einzelcoachings zur Selbstentfaltung, in Körperarbeit wie der tantrischen Massage oder im Yoga zur Aktivierung innerer Energiequellen. Auch in der Sexualtherapie wird Tantra verwendet, etwa zur Heilung nach traumatischen Erfahrungen oder zur Förderung eines bewussteren Umgangs mit der eigenen Sexualität.

Im esoterischen Bereich wird Tantra als ein Weg zur energetischen Ausrichtung und spirituellen Ganzwerdung verstanden. Chakrenarbeit, Atemtechniken, Rituale und Mantras spielen hier eine wichtige Rolle. Oft geht es um die Erweckung der sogenannten Kundalini-Energie, die als schlafende Kraft an der Basis der Wirbelsäule beschrieben wird. Tantra in der Esoterik betont das Zusammenspiel von weiblicher und männlicher Urkraft und sieht im Körper einen Tempel für spirituelle Erfahrung.

Tantra ist somit mehr als nur eine sexuelle Praxis. Es ist ein ganzheitlicher Weg zu innerem Wachstum, Achtsamkeit und Verbindung – mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben als Ganzem.